Neben den Sozialisationstheorien und Gegenwartsanalysen einzelner Soziologen geht es in dem Modul auch um die Frage wie sozial Europa ist. Es gilt aufzuzeigen wie Europa sich entwickelt hat und an welchen Kriterien ’sozial‘ festgemacht werden kann. Welche Ziele werden verfolgt, welche Auswirkungen haben Beitritte neuer Länder,welche Faktoren machen Europa und ein europäisches Bewusstsein aus und welche haben dieses geprägt. Leider ist der Studienbrief hierzu nicht besonders aktuell und bezieht neueste Entwicklungen wie die Finanzkrise nicht mit ein. Dennoch beschränke ich mich auf die Inhalte des Studienbriefes, um dann in der anstehenden Klausur gut gewappnet zu sein. Bitte habt Verständnis dafür. Für Richtigkeit und Vollständigkeit übernehme ich keine Verantwortung 🙂

Kurzfassung

Die EU ist entstanden aus ökonomischen und friedenserhaltenen Interessen. Die soziale Dimension geriet immer etwas ins Hintertreffen, wenn sie auch immer gewollt war. Europa kann in unterschiedliche Bereiche aufgeteilt und definiert werden: territorial oder wirtschaftlich oder politisch, in unterschiedlicher Konstellation. Die Abgrenzung zur USA durch den regulierten Kapitalismus, die Wohlfahrtsstaatlichkeit und die Verbindung von Wirtschaft und sozialen Ausgleich durch Interessensvertretungen haben Europa geprägt. In fast allen Staaten herrscht Demokratie und relativer Wohlstand, wobei die Schere zwischen Arm und Reich seit den 1980er Jahren nach dem Wirtschaftsboom der vergangenen Jahre wieder auseinanderdriftet.

Die Wirtschaft und Gesellschaft entwickelte sich in allen europäischen Ländern ähnlich, mal ausgeprägter und schneller, mal langsamer, wobei die osteuropäischen Staaten eher 10 Jahre „hinterher hinkten“. Entwicklung von der Argar- zur Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft heute. Zunehmender technischer Fortschritt und die fortschreitende Globalisierung führten zum Modernisierungsprozess. Mit diesem ging eine der Wohlstand in Europa einher.

Die europäischen Staaten verbindet die Form der Wohlstandsgesellschaft mit der  Absicherung von Standardrisiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Unfall und Alter. Weitere Kennzeichen finden sich unten.

Die Sozialpolitik ist durch den ESM und den ESF zwar etabliert, aber sozial politische Ziele sind weiterhin untergeordnet in der EU. Das Engagement findet auch hier mit Augenmerk auf die Wirtschaftlichkeit statt sowie zur Sicherung der Freizügigkeit Westeuropas. Erwähnenswert ist, dass die nationalen Gestaltungsspielräume durch EU-Rechtssprechung fortwährend beschnitten werden und sozialpolitische Interventionen an rechtliche und faktische Grenzen stoßen und Handlungsbedarf seitens der EU besteht.

Einhergehend mit der Wohlfahrtsstaatlichkeit, die sich in drei unterschiedlichen Typen unterteilen lässt laut Espering-Anderson, sind die Sozialausgaben zwischen 1960 und 1980 in allen europäischen Ländern angestiegen (Ausnahme ist Jugoslawien) und auch im internationalen Vergleich kann man innerhalb Europas die größten Zuwachsraten verzeichnen.

Entwicklung Europas und einem europäischen Bewusstsein – stichwortartig und kurz mit Blick auf den Sozialraum und die Sozialpolitik

  • Zusammenschluss der westeuropäischen Staaten gründet auf ökonomischen Interessen wie zur Friedenserhaltung
  • nach den Kriegen und der Entkolonalisierung, war vorerst jeder Nationalstaat auf sich allein gestellt, ein Zusammenschluss und die Bündelung gemeinsamer, vorwiegend ökonomischer, Interessen sollen (West-) Europa gegen die USA abgrenzen und stärken
  • Entwicklung von der Agrar- zur Industrie- zur Dienstleistunggesellschaft, allerdings nicht in allen europäischen Ländern gleichzeitig und gleichgewichtig, nicht in allen Ländern ist es gelungen den Wegfall der Altindustrien: Kohlebergbau, Stahlindustrie, Textilindustrie und Schiffbau aufzufangen wie im Ruhrgebiet (Dienstleistungsgebiet), die Entwicklung in den osteuropäischen Staaten vollzog ca. 10 Jahre später
  • in Griechenland, Polen, Albanien und Moldawien war in den 1990er Jahren die Landwirtschaft weiter sehr prägend, seit 1989 setzten Albanien, Litauen, Moldawien, Weißrussland und Rumänien auf eine Re-Agrarisierung ihrer Wirtschaft
  • in Deutschland spielt hingegen die Industrie nach wie vor eine wichtige Rolle in der Wirtschaftspolitik
  • heute aber sind alle westeuropäischen und die Mehrheit der osteuropäischen Ländern Dienstleistungsgesellschaften
    (gemessen an der Bruttowertschöpfung  alle Länder über 60 %, nur Irland mit 49 % und Finnland mit 57,1 %, Luxemburg hingegen mit 83,6 %)
  • gemessen am BIP (Bruttoinlandsprodukt) und der Situation zwischen 1985 und 1995 kann festgehalten werden, dass in Großbritannien die Unterschiede zwischen dem armen Norden und dem reichen Süden gravierend sind, weitere Staaten mit großen Unterschieden sind Niederlande, Portugal und Italien. Deutschland weist ein Ost-West-Gefälle auf, welches allerdings ein historischer Sonderfall durch die Wiedervereinigung 1990 ist
  • die Wirtschaftskraft Europas konzentriert sich in der blue banana und dem sunbelt (Benz). Entwicklungszonen verlaufen über Staatsgrenzen hinaus von London – Brüssel – Mailand und Barcelona – Lyon – Madrid.
  • östlicher und südlicher Rand haben eine relativ unterentwickelte Wirtschaftskraft: weite Teile Spanien und Portguals, Griechenland, Süditalien, Osten Finnlands und Deutschlands
  • Eine Aufnahme in die EU wirkt sich für ärmere Staaten durchweg positiv aus,
    die Integration ist dabei nicht nur ökonomisch zu betrachten, sondern soziale Erfahrungen, inner- und außereuropäische Prozesse und die Bewertung der Entwicklung durch die Bürger selbst sind ebenso zu berücksichtigen
  • Kennzeichen der Industriegesellschaft haben auch bestand in der Dienstleistungsgesellschaft:
    • Arbeitszentrierung
    • Arbeiten zur Selbstverwirklichung und nicht nur Mittel zum Zweck
    • Beruf wird zum Teil des individuellen Lebensstils – heute ohne lebenslange Orientierung
    • ständige Rationalisierungsprozesse ungebrochen hinsichtlich der Beherrschung der Natur trotz ökologischer Kritik
    • Trennung von Familie und Beruf ist alltägliche Lebenspraxis
    • weiterer Trend zur Verstädtung (Landflucht)
    • räumliche und soziale Mobilität, starke Staatstätigkeit, zunehmende Bürokratie, zweckrationales Handeln
  • die europäischen Staaten haben eine Reihe von Gemeinsamkeiten und übereinstimmenden Kennzeichen modernisierter Entwicklung wie sie sich durch die Industrialisierung vollzog (nach Hradil/Immerfall):
    • ähnliche Industrialisierungs- und Automatisierungsphänomene
    • zunehmende Arbeitsteilung und Dominanz nicht-selbständiger Arbeit mit standardisierten Anstellungsverhältnissen
    • wachsende Produktivität
    • Durchsetzung des Nationalstaates und weites gehend des Wohlfahrtstaates und einrichten von demokratischen Institutionen wie wohlfahrtstaatlicher Absicherung von Standardrisiken wie Krankheit, Arbeitslosigkeit, Unfall und Alter
    • Errichtung eines Massenbildungssystems
    • Verbreitung der Kleinfamilie als Standardlebensform
    • demographische Entwicklung zur sparsamen Bevölkerungsweise mit langer Lebenserwartung und geringen Geburtszahlen
    • räumliche Trennung von Arbeit und Familienleben
    • Erweiterung der räumlichen und sozialen Mobilität
    • Standardisierung des Lebenslaufes in vier Phasen: Kindheit-Jugend-Erwachsensein-Alter bzw. Familie-Ausbildung-Erwerbstätigkeit-Rente
    • Ausdehnung von Bürokratie und formeller Organisation in Wirtschaft, Staat und Politik
    • Mehrung von Wohlstand, Bildung und Gesellschaft
    • Durchsetzung von Rechtsgleichheit
  • Europa wächst und die Integration wächst ebenso, Kaelble nennt dafür folgende Gründe:
    Internationalisierung der europäischen Wirtschaft, Zunahme der Realeinkommen, Transport- und Kommunikationsrevolution, Demokratieentwicklung und Durchsetzung liberaler Wirtschaft, Wandel der Ausbildungsqualifikation, Entstehung der europäischen Gemeinschaft
    dabei unterteilt Kaelble die Entwicklung in eine milieuspezifische (nicht typisch europäische) und eine wohlfahrtsstaatliche, typisch europäische, historische Entwicklung
  • Die europäischen Länder entwickelten sich zu Wohlfahrtsstaaten, gekennzeichnet durch folgende Kennzeichen, die unterschiedlich ausgeprägt sind in den einzelnen Staaten:
    • verstärkte Öffnung von Bildungschancen und gleiche Bildungschancen für alle
    • familiäre Solidarität als Verpflichtung ist nicht mehr gegeben
    • soziale Anrechte
    • Anspruchsrechte auf Einkommensniveau
    • Gesundheits- und Sozialleistungen
  • zentrale Elemente des Modernisierungswegs sind:
    • Familie, Erwerb, soziale Milieus, Organisierung, Wohlfahrtsstaat Konsum
  • wie oben bereits erwähnt ist der Wohlfahrtsstaat typisch europäisch, ein Gegenpol zur ökonomisch ausgerichteten USA
  • Europa steht aber nicht nur für eine gemeinsame Wirtschaftspolitik, sondern auch für eine gemeinsame kulturelle und soziale Ausrichtung; die europäischen Staaten haben eine gemeinsame Geschichte und Entwicklung durch gemacht wie die Annäherung aneinander nach der französischen Revolution, die beiden Weltkriege und die anschließende Spaltung in einen kommunistischen (östliche) und nicht-kommunistischen (westlichen) Teil und nach 1989 die langsame Zusammenführung Europas. Unterschiede und Gemeinsamkeiten sind außerdem zu finden bei der Religion (geprägt vom Christentum, fortschreitende Säkularisierung), der Sprache (Sprachvielfalt, Integrationsversuche und Einheitssprache scheitern mit Hintergrund der Geschichte), der Rechtssprechung (zwei Abstammungslinien, aber Einigung auf Primat des Gemeinschaftsrechtes, der Gewaltenteilung, Menschen-, Grund- und Wahlrecht, Prinzip der Volkssouveränität und sozialer, wohlfahrtsstaatlicher und ökologischer Bestimmungen) sowie in Bezug auf die Medien, die als wichtigstes Mittel zur Kommunikation, Beeinflussung und Informationen dienen, aber amerikanisch geprägt sind.
  • Europäisches Sozialmodell (ESM) zur sozialen Gestaltung Europas in Abgrenzung zum Wirtschafts- und Geschäftsmodell der USA in Bezug auf Kapitalismus, Wohlfahrtsstaatlichkeit und Arbeitsbeziehungen
    • sozialer Fortschritt durch Gestaltung der Komponenten: Demokratie, persönliche Freiheitsrechte, Chancengleichheit, Tariffreiheit, Solidarität und soziale Sicherheit
    • Orientierungspunkt ist die gesellschaftliche Teilhabe an der Wohlfahrt der Gesellschaft
    • Messkriterien sind Lebensstandard (primär materiell) + Lebensqualität (multidimensional aus objektiven Lebensbedingungen und subjektiven Wohlergehen)
    • Mechanismen der Regulation, kontrollierter Organisationsprozesse, Mindestschutzbestimmungen für Arbeit, Umwelt, Soziales und Partizipation
    • europäischer Wohlfahrtskapitalismus = Verbindung von Ökonomie und sozialem Ausgleich und Arbeitsbedingungen (regulierter Kapitalismus)
    • european deal = Kombination von institutionellen wirtschaftlichen Strukturen und Gesellschaft mit Regulationsmodus zum Ausgleich der Unterschiede innerhalb der europäischen Gemeinschaft
    • hohes Maß an Interessensorganisationen mit Funktionen der Interessensbündelung und -vermittlung von unten nach oben sowie der Verbreitung und Vermittlung politischer Entscheidungen von oben nach unten = Institutionalisierung der zivilgesellschaftlichen Interessensviefalt im ESM

 

  • Arten von Wohlfahrtsstaaten nach Espering-Anderson:
    • sozialdemokratischer (nordischer) Wohlfahrtsstaat mit starker Schutzfunktion, schwachen Fürsorgeleistungen, starker Umverteilungskapazität und der Garantie auf Vollbeschäftigung bei schwacher privater Vorsorgeleistungen und Korporatismus/Etatismus
    • konservativer Wohlfahrtsstaat in Bismarck-Tradition mit mittelstarker Martkschutzfunktion, stark ausgeprägten Fürsorgeleistungen, Vollbeschäftigung mit mittlerer Garantie und schwachen Umverteilungskapazitäten, starker Korporatismus/Etatismus und niedrige private Vorsorge. Gesellschaftliche Ungleichheit existiert und wird legitimiert
    • liberaler Wohlfahrtsstaat in Beverdige-Tradition mit schwacher Schutzfunktion, starken Fürsorgeleistungen. Schwacher Ausprägung von Umverteilungskapazitäten, Etatismus/Korporatismus und der Garantie auf Vollbeschäftigung. Gesellschaftliche Ungleichheit ist sehr stark ausgeprägt und die starken Fürsorgeleistungen wirken stigmatisierend und führen zur zunehmenden Teilung der Gesellschaft.
    • Unterschiede liegen also vor allem bei den sozialen Anspruchsrechten, den Konsequenzen und den sozialen Normen
    • die Aufgaben des Wohlfahrtsstaates sind dabei:
      • Schutzfunktion durch Absicherung von Gesellschafts-/Standardrisiken
      • Verteilungs- und Umverteilungsfunktion über das Einkommen (z. B. Mindestlohn)
      • Produktivitätsfunktion über den Faktor Arbeit (Erhaltung und Förderung von Schaffung von Arbeitsplätzen)
      • gesellschaftliche Funktion durch Integration und Legitimation
  • Gefährdung von Wohlfahrtsstaaten durch:
    • Globalisierung und Neoliberalismus => mögliche Bremsung des wirtschaftlichen Fortschritts durch Sozialkosten
    • Individualisierung und Pluralisierung der Lebensformen führen zu erhöhtem Bedarf an Sozialleistungen und Verringerung jener, die soziale Leistungen erbringen
    • Forderung nach Grundsicherung statt nach arbeitsbezogener Sicherung
    • demographische Entwicklung
    • zunehmende Bürokratie statt Hilfe zur Selbsthilfe
    • steigende Staatsverschuldung und mangelndes Wirtschaftswachstum

 

Quelle ist der Studienbrief „Wie sozial ist Europa?“ der FernUniversität in Hagen, Kurs 03731

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