Heute berichte ich euch von meinem Engagement als Dozenten eines „Deutsch-Ingegrations-Hilfekurs“, ob das für jeden machbar ist oder was ihr stattdessen machen könnt, um den vielen Flüchtlingen eine Perspektive geben zu können. 

Meine Erfahrungen und was ich da eigentlich mache

Ich darf nun schon seit mehr als zwei Jahren einen „Deutschkurs“ geben. „Deutschkurs“ in Anführungszeichen, weil es kein reiner Deutschlernkurs ist, um die deutsche Sprache von grundauf zu lernen. Es ist eher ein Integrationshilfekurs. Entstanden durch die Idee der Familienzentrumsleiterin Frau Bienbeck (Familienzentrum St. Stephan, Ochtrup), die von ähnlichem Engagement im Kreis Steinfurt gelesen hatte. Gleichzeitig waren im Kindergarten einige wenige Familien mit Migrationshintergrund und ganz neu zum damaligen Zeitpunkt eine Familie aus Portugal, die kein Wort Deutsch konnte. Da aber nicht „viel“ Geld in die Hand genommen werden konnte, war es schwierig eine ausgebildete Kraft zufinden und ich erklärte mich spontan bereit den Kurs zu leiten. Nicht komplett ausgebildet, sondern eben mit dem angefangenen Bildungswissenschaftstudium im Hintergrund, sehr guten Deutschkenntnissen aus der Schule und dem Wissen wie man Wissen vermittelt – zumindest theoretisch und ganz praktisch aus vorangegangenen Kursangeboten in anderen Bereichen.

Ich habe mich versucht im Internet zu informieren, mir angeschaut, was die Kinder in der Schule machen und einige Bücher aus der Bücherei ausgeliehen, um hoffentlich einigermaßen vorbereitet zu sein. Schon das war eben eine Herausforderng, weil ich nicht genau wusste was und wer mich erwarten würde. In den ersten Stunden habe ich geschaut wie gut oder schlecht die drei Frauen Deutsch sprechen konnten. Angefangen mit einfachen Personalbögen und wichtigsten Fragen wie „Wie heißt du?“ „Woher kommst du?“ „Wie lange bist du schon in Deutschland?“
Und dann wurde es erst so richtig spannend, denn sowohl die Deutschkenntnisse als auch die Lernvoraussetzungen wie u. a. die Schulbildung waren sehr sehr unterschiedlich. Zudem  kam hinzu, dass nicht alle Frauen regelmäßig mittwochs morgens da waren und Pünktlichkeit war gänzlich ausgeschlossen. Ich lernte, dass eine Vorbereitung zeitintensiv und toll ist, aber diese häufig gar nichts nützte, weil die Frauen einfach nicht kamen oder ich vieles wiederholen musste. Das nervte am Anfang gewaltig. Und ein weiterer Nachteil war die große Spanne zwischen dem Wissensstand und den Lernmöglichkeiten der Frauen, was ein Unterrichten wirklich schwierig machte. Häufig war ich da und niemand anderes. Das kann dann auch mal frustieren.

Doch im Laufe der Zeit haben wir ein Vertrauensverhältnis aufgebaut, welches am Pflichtbewusstsein der Frauen nagte. Die Gruppe veränderte sich, die Spanne wurde größer zwischen Analphabeten, wenig Deutsch sprechenden und gut Deutsch sprechenden Frauen. Und alle hatten ein Ziel: Fahrrad fahren lernen. Das passte jetzt nicht ins Deutsch lernen Konzept, aber es gehört zur Integration. Und so haben wir in dem Mittwochstreffen die Theorie und die Begrifflichkeiten und manchmal auch die Verkehrssituation in usnerer Kleinstadt gepaukt und erfahren, während dann im Sommer letzten Jahres die Frauen in Münster den praktischen Teil lernten. Ein Ziel, dass die Regelmäßigkeit des Deutschkursbesuchs deutlich erhöhte. Und mir eine Vorbereitung vereinfachte.

Seit Ende letzten Jahres kamen dann immer mehr Flüchtlinge nach Ochtrup und die Anfrage, ob einige Frauen den „Deutschkurs“ besuchen könnten. Na klar! Die Situation verändert sich.Und wir starteten wieder bei null. Ich arbeite mit den „DaF kompakt A1 – B1″von Klett sowie zur Alphabetisierung mit dem „Von A bis Z – Schreibtrainer“von Klett. Allerdings ist der erste Fokus zuerst auf den Wortschatzaufbau gelegt und die doch relativ schwere deutsche Grammatik. Zum Wortschatzaufbau orientiere ich mich am Kernwortschatz von Bauer/Riedel, den ich auf der Internetseite für Legasthenie gefunden habe. Einige Wörter habe ich gestrichen wie Bub, Schilling oder Groschen, weil sie für das Münsterland nicht interessant sind. Und anhand der Wortschatzbildung werden dann die einzelnen Wortformen, Wortbedeutung etc. erklärt.

Ist das für jeden machbar? Kann ich das auch?

In letzter Zeit werde ich immer wieder gefragt, ob das jeder machen kann. Die Flüchtlingsströme und die Situation momentan in Deutschland führen zu immer mehr Engagement. Ich kann das nur begrüßen und dennoch ist das nicht so einfach. Zu allererst empfehle ich sich selbst mit der Flüchtlingsthematik und mit Migration auseinander zu setzen. Flüchtlinge sind keine Hilfsbedürftigen, die eine rundum Betreuung benötigen, sondern Menschen wie du und ich. Nur eben in einem fremden Land mit einer fremden Sprache. Natürlich ist es wichtig, dass sie möglichst schnell Deutsch lernen. Dabei kann jeder helfen! Aber die Vermittlung empfinde ich insofern schwierig, weil es eben doch eine Ausbildung benötigt, um einen Unterricht zu gestalten. Ich persönlich stoße immer mal wieder an meine Grenzen. Merke, dass mir dann eben eine Germanstik oder Deutsch als Fremdsprache Studium fehlt und ich dadurch eine große Zeit zur Vor- und Nachbereitung aufwenden muss (was einem absolutem Ehrenamt mittlerweile gleichkommt, aber immer noch sehr viel Spaß macht).

Es ist eben mehr als nur ein paar Vokabeln lernen. Und Unterrichten heißt, dass man viel Zeit haben muss für Unterricht, Vor- und Nachbereitung, denn viele Unterrichtsmaterialien stelle zumindest ich mir selbst zusammen, um diese dann eben auch an den jeweiligen Bedürfnissen der Frauen ausrichten zu können. Und das Unterrichten selbst ist eben auch anders als in einem „normalen“ Schulbetrieb. Die Flüchtlinge kommen aus unterschiedlichen Ländern, haben unterschiedliche Voraussetzungen und unterschiedliche Möglichkeiten zu Lernen. Die meisten sind hochmotiviert. Es gilt einige zu bremsen, andere zu motivieren. Manchmal muss man auch Unstimmigkeiten klären. Nicht immer bedeutet Unterricht = Unterricht. Flexibilität der „Lehrkraft“ ist auf jeden Fall gefordert. Und es sind meist Erwachsene, die schon viel erlebt haben und ganz unterschiedliche Erwartungen haben. Hier heißt es diese zu nutzen, zu beachten und einzubinden. Manchmal aber auch zu bremsen.

Aber was kann ich tun?

Wenn du unterstützen willst, dann kann ich empfehlen mit den Flüchtlingen zu reden, sie ins Gesellschaftsleben miteinzubeziehen, redet viel mit ihnen. Deutsch lernt man am besten, wenn man es benutzt. Das ist eigentlich mit jeder Sprache so. Vorlese-oder gemeinsame Lesestunden anbieten für Kinder und Erwachsene. Gemeinsames Lesen ist wichtig für die Kinder, um zum einen ihre Lesekompetenz zu fördern und zum anderen bekommt man ein Gefühl für die Sprache, um sie dann besser verinnerlichen zu können.

Gemeinsames Fernsehen bzw. Filme schauen ist auch interessant, denn wie ich von „meinen“ Frauen erfahren habe, lernen sie auch durch deutsches Fernsehen und freuen sich, wenn ihnen jemand erklären kann, was das Wort „xy“ bedeutet, das sie gerade gehört haben. Ich wäre vermutlich so nicht auf die Idee gekommen.

Oder bietet andere Gemeinschaftsaktionen an wie Spielenachmittage, Koch- und Backaktionen. Dabei kann man sich gegenseitig kennenlernen und ihr vermittelt ebenso die deutsche Sprache (wenn euch das wichtig ist).

Vergesst aber eines nicht: Es sind Menschen, die viel erlebt haben, die häufig aus einer ganz anderen Kultur stammen und natürlich erst einmal skeptisch sind. Das Wichtigste ist ein behutsamer Vertrauensaufbau und auf eurer Seite Zuverlässigkeit. Enttäuschungen haben sie alle schon häufig durchgemacht und Vertrauen wurde missbraucht.

Und wer jetzt noch Fragen hat: Immer her damit. Quetscht mich aus!

Advertisements